Literatur im Haus Wieden
Im Haus Wieden hat sich eine Gruppe von Bewohner*innen formiert, die Literatur fördert und eine Literatur-Vitrine betreibt. Eine der Betreiber*innen, die Autorin, Sozialarbeiterin und Psychologin Traude Veran, beschreibt in diesem Text das Projekt, das leider kürzlich eine zentrale Mitwirkende verloren hat.
Die pensionierte Bibliothekarin Christine Demuth brachte 2022 bei ihrem Einzug ins Haus Wieden frischen Wind mit. Sie ordnete die Hausbibliothek neu und gründete eine Schreibgruppe, die sich aber leider mangels Teilnehmer*innen bald wieder auflöste. Sie wurde in den Bewohner*innenbeirat gewählt und war Jurorin im ersten Literatur-Contest der Häuser zum Leben.
Es gibt bei uns bereits seit vielen Jahren eine literarische Initiative, einen verglasten Schaukasten, genannt „Vitrine“, in dem die Bewohnerin Herta Weghaupt literarische Texte aushängt. Häufig sind das ihre eigenen Werke, nachdenkliche Gedichte und kurze Prosaszenen, die Einblick in das einfache Waldviertler Leben zur Zeit ihrer Jugend gewähren.
Dann kamen zwei weitere schreibende Bewohnerinnen dazu: Maria Baumgartner und ich – wir überreichten ihr öfters unsere eigenen Gedichte. Bald war die Vitrine zu klein. Frau Demuth schlug vor, eine weitere anzubringen, in der neben hauseigenen Texten solche von bekannten Schriftsteller*innen stehen könnten. Sie selbst wollte die Bewohner*innen animieren, dazu beizutragen. Herr Direktor Cehic fand die Idee gut, bald war ein zweiter Schaukasten montiert.
Den ersten gestalten Frau Weghaupt und Frau Baumgartner weiterhin von Hand mit ihren Werken, Frau Weghaupt schmückt ihn liebevoll mit bunten Bildern. Wir hingegen besaßen Computer, was uns nicht nur eine reiche Auswahl an Texten aus dem Internet, sondern auch vielfältige Möglichkeiten der Gestaltung bescherte.
Frau Demuths großes Wissen um die bildende Kunst brachte uns Abbildungen wunderbarer Grafiken und Gemälde, von denen ich noch nie gehört hatte, und ich versuchte, die Texte durch ästhetische Farben und Formen in ihrer Wirkung zu unterstreichen.
Das Fenster zur Kunst
Im Oktober 2023 begannen wir unser „Fenster zur Kunst“, wie wir den Schaukasten nannten, zu füllen; die Themen entstammten anfangs der vormaligen Literaturgruppe sowie einer Malgruppe: „Die Fliege, Der Fuchs, Die Maus.“ Wir dachten, mit Tieren wäre der Einstieg leichter – und siehe da, schon bald trafen erste Beiträge von Bewohner*innen ein.
Bis heute ist uns eine von ihnen mit spannenden kleinen Geschichten treu geblieben; sie führt sogar einen Künstlernamen: Arethusa, nach einer griechischen Quellnymphe. Die eingesammelten Verse gehorchten nicht immer den Gesetzen der Poetik, was zu Diskussionen zwischen der eher toleranten Frau Demuth und mir, der empfindlichen Lyrikerin, führte.
Letztlich konnten wir uns aber jedes Mal mit den Autor*innen auf eine Fassung einigen. Bald passten wir die Themen den eingereichten Arbeiten an und gelangten so zu einer bunten Mischung: Musik, Im Schwimmbad, Hoffnung, Kafka …
Frau Demuth besorgte farbiges Papier für den Hintergrund; ich entdeckte in meinem Notebook grafische Möglichkeiten, von denen ich bis dahin nichts geahnt hatte; wir sammelten zum Thema passende Bilder und fügten ab und zu eine eigene Zeichnung ein.

Unsere Versuche mit plastischem Material wurden durch den Abstand zwischen Glasscheibe und Pinnwand leider eingeschränkt. Es ringelte sich da etwa fröhlich ein blaues Seidenband zu Mörikes „Frühling lässt sein blaues Band / wieder flattern durch die Lüfte“, das nach dem Zuklappen der Scheibe ziemlich gequetscht wirkte.
Aktuelle Ereignisse und der Kalender spiegeln sich durchaus in der Vitrine, doch meist wählten wir nur ein Teilgebiet aus. Wir feierten z. B. Weihnachten mit Tannen, den Vatertag mit Großvater, den Nikolo-/Krampustag mit Mephisto.
Ratten und Flöhe zum Tierschutztag
Zum Tierschutztag verblüfften wir mit Lyrik über „Ungeliebte Viecher“, von der Ratte bis zum Floh. Überraschend, wie viele tolle Gedichte es dazu gibt, selbst bei berühmten Autoren, ja sogar im Faust! Wir wechseln jede Woche; bisher gelang es, diesen Rhythmus durchzuhalten und die Themen gehen uns erstaunlicherweise noch lang nicht aus.
Als eine Dame fragte, ob wir nicht einmal ein bestimmtes Gedicht bringen könnten, das sie besonders liebte, griffen wir die Idee auf und baten die Bewohner*innen, uns ihre Lieblingsgedichte zu nennen. Seither gibt es reichlich Vorrat, in erster Linie Balladen: Der Erlkönig, Des Sängers Fluch usw., aber auch Humoristisches, wie ein Streich aus Max und Moritz, und manchmal sogar eher schwierige Lyrik.
Englische Texte übersetze ich, wir bringen sie in beiden Sprachen. Die Gedichte und Sinnsprüche, auch die „bestellten“, finden sich häufig im Internet und müssen nur mehr grafisch aufbereitet werden. Eine Ausnahme machte „Die Heumahder“, gewünscht von Frau Cäcilia Hofstetter, gebürtige Oberösterreicherin; sie konnte nur die ersten beiden Strophen auswendig.
Mit wahrhaft detektivischer Anstrengung gelangte ich über Bürgermeister, Schuldirektor und Pfarrer ihrer Herkunftsgemeinde schließlich an eine ältere Lehrerin, die alles aufklären konnte: Dieses Dialektgedicht von Franz Stelzhamer ist viel tiefsinniger, als sein Anfang als eine Art Erntelied vermuten lässt. Frau Hofstetter freute sich sehr, als ich ihr einen schön verzierten Ausdruck überreichen konnte.
Dass viele Personen ihre Wünsche kundtaten, führte zu erfrischender Abwechslung. Aber nicht nur die Lieblingstexte haben das bewirkt. Frau Demuths großes Interesse an alten literarischen Dokumenten und der Literatur des fernen Ostens führte zu Themen wie Das Gilgamesch-Epos und Lyrik aus Burma.
Und ich versuche natürlich, meine eigenen Texte, so sie zum Thema passen, hinzuzunehmen. Die letzten Jahre beschäftige ich mich vorwiegend mit dem japanischen Kurzgedicht Haiku – das blieb nicht ohne Folgen. Auch Frau Demuth hat diese Form aufgegriffen und wir gestalteten einige Vitrinen damit: Haiku-Dialog, Japanische Dichter, Haiku aus Österreich, Haiku für Blinde. Wegen der geringen Vitrinengröße sind uns das Haiku und weitere japanische Kurzformen natürlich überaus willkommen!

Frau Demuth war sehr geschickt darin, andere Menschen zu sprachlich-künstlerischen Äußerungen anzuregen. In einigen Fällen ließ sie sogar ihre Interviewpartner*innen einfach erzählen und notierte selbst; da wurden die Texte gleich viel lebendiger und anschaulicher, als wenn jemand sich krampfhaft bemühte, korrekte Sätze zu drechseln.
Im Herbst 2024 kam der erste Literatur-Contest der Häuser zum Leben, bei dem unsere inzwischen gut geübten Teilnehmer*innen mehrere Preise einheimsen konnten. Das ist wohl zu einem Teil Frau Demuth und ihrer unermüdlichen Textarbeit zuzuschreiben. Mir hingegen gelingen solche Kontakte nicht so gut, ich bin eine Alleinarbeiterin.
Umso schmerzhafter für mich, dass Frau Demuth wegen einer Operation längere Zeit ausfiel. Aber wir hatten schon vieles vorbereitet und sie beteiligte sich während ihrer Rekonvaleszenz ohne Unterlass per Mail an den Arbeiten.
Wir mussten dazulernen
Die Schauwand soll Vorübergehende ansprechen und zum Verweilen einladen – darauf achteten wir von Anfang an. Andere, eher profane Dinge bedachten wir nicht. Erst nach ein paar Monaten begannen wir, Themen und Termine zu notieren, die Schaustellungen zu fotografieren und und die abgehängten Blätter in Kuverts zu sammeln. Wir glaubten zunächst wohl auch nicht, dass dieser Einrichtung ein so lang andauernder Erfolg beschieden sein würde!
Einige Probleme hätten uns eigentlich nicht überraschen dürfen: Die meisten Bewohner*innen sehen schlecht, es braucht große Schrift; die Tafel misst aber nur 50 x 85 cm, da geht nicht viel drauf! Texte, die ich in ein Bild oder auf farbigen Untergrund montiere, sind schön, aber natürlich schwerer zu lesen als Schwarz-auf-Weiß.
Außerdem sind viele unserer Damen eher klein gewachsen und können die obere Hälfte der Vitrine kaum entziffern. Unsere Auswege: Texte unten und Bilder oben anbringen, Prosa meiden und Gedichte kürzen (blutenden Herzens, manchmal).
Ein extremes Beispiel: Eine Bewohnerin nannte als ihr Lieblingswerk Schillers „Das Lied von der Glocke“. Gerade bin ich dabei, mit dem Zentimetermaß auszutüfteln, wie ich dieses lange Gedicht so anheften kann, dass der Zusammenhang nicht verloren geht und ich auch noch ein paar anschauliche Bilder unterbringe; die natürlich nicht zu klein sein dürfen. Das geht nur in einer „Fortsetzung folgt“-Ausführung.
In unserer Naivität vermeinten wir, die Gedichte würden das Publikum anziehen wie der Honig die Fliegen.
Bei all diesen Arbeiten haben wir viel gelernt, auch organisatorisch, z.B. dass man den Vitrinenwechsel bekannt machen muss. In unserer Naivität vermeinten wir, diese schönen Gedichte würden das Publikum anziehen wie der Honig die Fliegen.
Dem war keineswegs so, man muss werben. Auf einer Videowand im Foyer wird angekündigt, was diese Woche im Fenster zur Kunst zu sehen ist, das Thema wird in der Wocheninformation vorgestellt und wessen Lieblingsgedicht nächstes Mal drankommt, die/der erhält eine schriftliche Verständigung (schön gestaltet, mit Herzerln).
Themen aus dem Jahr 2025 und auf wessen Wunsch sie gewählt wurden:
04. Jänner: Burma (Demuth, burmesische Lyrik des 20. Jahrhunderts)
11. Jänner: Schnee (jahreszeitlich)
18. Jänner: Eisenbahn (Veran, zu einer Vortragsreihe)
25. Jänner: Feuer (Wunsch einer Bewohnerin)
01. Februar: Speisen, Essen, Fressen (Demuth)
08. Februar: Computer (Veran)
15. Februar: Drachen (Demuth)
Anagramme zum Hausjubiläum
Im August 2025 feierte das Haus Wieden sein 40-jähriges Bestandsjubiläum. Aus diesem Anlass gab es eine Reihe von Veranstaltungen und Ausstellungen, darunter natürlich ein eigenes „Fenster zur Kunst“. In ihm sorgten Anagramme aus Namen der Umgebung für Verwirrung. Aus dem HAUS WIEDEN entstand HASEN WIE DU und unsere Adresse ZIEGELOFENGASSE lautete plötzlich IGELGEFAESSZONE.

Ab diesem Zeitpunkt muss ich den Schaukasten allein füllen, allerdings unterstützt von Mitbewohnerinnen, die mir beim Wechseln der Blätter eine unentbehrliche Hilfe sind. Eine schwere Erkrankung zwang meine Partnerin, sich immer mehr zurückzuziehen.
Noch blieb ihr Interesse – und ihre Kritik – an jeder neuen Ausstellung lebendig. Nun aber können wir nicht mehr auf ihren scharfen Blick und ihre Phantasie bauen: Am 11. Februar 2026 hat uns Christine Demuth verlassen. Wir haben ihr eine würdige Trauervitrine im Fenster zur Kunst gestaltet.
Vorläufig ist unser Schaukasten wohlgefüllt und wird das hoffentlich noch lange Zeit bleiben. Wir hoffen und wünschen, dass noch viele Bewohner*innen, Angestellte und Besucher*innen des Hauses Wieden dank des Fensters zur Kunst die Literatur, und da besonders die Lyrik, besser kennen lernen und genießen können.